Liebe Tante Angie,
Je näher die Bundestagswahlen rücken, desto unsicherer werde ich. Was soll denn das nun wieder: Deine Busenfreundin Annette will uns verheimlichen, dass es neue Atomkraftwerke geben soll. Ich fass es nicht! Hauptsache billigen Strom. Nein Angie, solche falschen Freundschaften solltest du rasch beenden. Mir gefällt die Renate Künast viel besser. Ihre breite Stirn verrät den wachen, weiten Geist und das wäre nun nicht das Schlechteste für deine Partei. Leider ist Renate nicht gut auf dich zu sprechen. Sie weiß nichts von deiner Mütterlichkeit und von deinem im tiefsten Herzen guten Kern. Wie sollte sie auch? Du bist in eine sehr verhängnisvolle Affäre gestürzt, damals, als du dich von Helmut hast verführen lassen, jung und gutgläubig, wie du warst.
Ich möchte nicht wissen, wie oft du dich bei Joachim ausweinen musst. Aber der wird dir auch nur sagen: Mach gute Miene zum bösen Spiel.
Wir, deine Familie, sind natürlich auf deiner Seite! Niemand hätte mehr Verständnis für dich, wenn du einfach bekennen würdest: "Ja, ich bin Grün!" Du weißt selbst, wie befreiend es ist, endlich zu dem zu stehen, was man wirklich denkt und fühlt. Du könntest die Blazer an den Nagel hängen und wieder deine Baumwollröcke tragen. Deine Birkenstocksandalen stehen immernoch bei uns (inzwischen) auf dem Speicher. Und wie gut täte es deiner Figur, endlich mal wieder Radtouren zu machen, ganz wie früher in der Uckermark!
Du siehst, ich mache mir wirklich Gedanken und verbleibe,
Deine Nichte Edeltraut

Liebe Tante Angie,  Ich bin froh und glücklich und ungeheuer erleichtert, dass ich nun eine Gelegenheit gefunden habe, dir zu schreiben! So ...